Stuttgart - Untertürkheim; 14.Mai 2001

Es ist 7 Uhr am Morgen als ich auf dem Vorplatz der LKW - Leitstelle den Motor abstelle. Ein ganzer Lastzug voller Deckenlampen soll hier bei Daimler in Untertürkheim angeliefert werden; niemand von uns fährt gerne zu Daimler! Warum? Nun, lesen sie einfach mal was man als LKW - Fahrer hier mitunter so durchmacht. Nicht daß es immer so schlecht läuft, aber man kommt ja auch öfter hierher und da geht es einem doch häufig so wie mir heute....!

7:00
Ich trabe zunächst vorschriftsmäßig zum Pförtner um mir einen Passierschein zu holen. Auf mein "Guten Morgen" hin sieht mich der Pförtner nur vorwurfsvoll an - und schweigt. Na ja, vielleicht beim nächsten mal denke ich mir und latsche mit dem Passierschein zur Leitstelle. Die Dame dort sieht zwar etwas muffelig aus, antwortet aber wenigstens auf meine Begrüßung. Nach einigen Stempeln, Ausstanzungen und Unterschriften auf meinen Ladepapieren bekomme ich außerdem einen Plan des Werkteils und eine Erklärung wohin ich soll. Ich danke höflich, latsche wieder zum LKW und fahre in das Werk. Einige Abladestellen kennt man ja nach 16 Jahren, aber diese ist auch mir neu. Es geht einige Male um irgendwelche Gebäude und Hallen herum bis ich an einer günstigen Stelle stehen bleibe um mir die Örtlichkeit erst einmal anzusehen bevor ich mit dem ganzen Lastzug in irgend einer "Falle" verschwinde. Das ist nämlich jedem Kutscher sicher mehr als einmal passiert so daß man mit den Jahren etwas vorsichtiger wird.

7:15
Die angebliche Entladestelle entpuppt sich als eine relativ kleine Halle auf einem sehr engen Platz. Ich bezweifele daß man hier einen ganzen Zug voller Deckenlampen abladen will.....
Ein Mitarbeiter dem ich die Papiere präsentiere weist mich jedoch an meinen Lastzug vor besagter Halle so hinzustellen daß man ohne Verzögerung abladen könne. Man wolle schließlich seine wertvolle Arbeitszeit nicht mit unnötigem hin - und herfahren des Staplers verplempern. Ich zucke mit den Schultern und lote die Örtlichkeit für mein Vorhaben noch einmal aus. Es ist eng, aber wenn ich richtig spekuliere und zirkele geht es wohl.
Gesagt getan - ich zwänge mich auf den Platz und öffne die Planen damit der Stapler loslegen kann.

7:25
Ein Herr im grauen Kittel kommt auf mich zu und fragt ohne Entrichtung der Tageszeit was ich denn hier vorhabe. Mein Versuch der Aufklärung hat bei ihm aber nur ein angewidertes Gesicht zur Folge; ich und meine Papiere sollen ihm folgen. In seinem Büro angekommen beginnt er mit diversen Leuten zu telefonieren - beachtet mich jedoch nicht weiter. Nach etwa 15 Minuten geduldigen Wartens komme ich mir endgültig etwas überflüssig vor und mache mich bemerkbar was eine Zurechtweisung durch den Graukittel zur Folge hat. Ich solle mich gefälligst gedulden bis er soweit sei. Ich frage nun doch mal nach womit er "soweit sein wolle" und mache ihn darauf aufmerksam daß ich von einem seiner Mitarbeiter angewiesen war mich so hinzustellen. "Der hat gar nichts zu sagen" verkündet er zu meiner Überraschung. 

7:40
Kurz darauf steht fest daß die Lampen nicht hier entladen werden sondern direkt zur Baustelle gebracht werden sollen. Das inzwischen eingetroffene Personal der umliegenden Gebäude hat mit seinen PKW`s derweil meinen LKW zugeparkt; davon war nicht die Rede gewesen und ich brauche fast 25 Minuten bis ich meine Planen wieder verschlossen und den Platz verlassen habe. Niemand hilft mir beim Zurücksetzen um 3 Ecken die ich nicht einsehen kann. Nur der Graukittel steht an einer Hallentür und achtet darauf daß ich ja nichts beschädige....! Ich bin bereits sehr zufrieden mit diesem Tag.............................

8:15
Das Gebäude wo nun endgültig abgeladen werden soll ist nur über eine sehr schmale Zufahrt zu erreichen. Die Planer habe sicher noch niemals einen Lastzug gefahren; wer so etwas plant sollte unter Umständen die Durchführbarkeit nicht aus den Augen verlieren. Hier ist nichts durchführbar und schon gar nichts durchfahrbar............!
Für die 250 Meter brauche ich fast 10 Minuten; am Ort des geplanten Geschehens ist Dank meines großen Autos keine Durchfahrt mehr möglich - nicht einmal mit einem Fahrrad wie sich umgehend herausstellt. Ein 7,5 Tonner schräg hinter mir soll nun verschwinden um Platz für meinen Zug zu machen. Dafür soll ich einfach einmal um den Block fahren. Eine silberne Sternbewehrte Karosse steht so blöd daß ich gerade so vorbeikomme. Ein smarter Herr in edlem Armai - Tuch schaut mißtrauisch zu wie ich mich abquäle, bewegt sich aber sonst nicht. Ich gehe davon aus daß der nicht zu dem 420 SL gehört....!
Die Umfahrung des Blockes dauert dann (...es ist wirklich zum verzweifeln...) fast 30 Minuten weil hinter jeder Ecke etwas abgeladen, aufgebaggert oder sonst wie versperrt ist. An der letzten Ecke hängt dann ein Sattelzug fest. Es ist einfach genial wie dämlich unter diesen Bedingungen noch PKW`s geparkt werden.............

8:55
Als ich endlich wieder dort ankomme wo ich abladen soll ist tatsächlich Platz für mich. Das der Sattelzug von eben vor mir um die Ecke verschwindet nehme ich mit einer dunklen Vorahnung zur Kenntnis - egal - jetzt geht es los. Die armen Elektriker müssen die Ladung von Hand abladen. Das Zeug wiegt zwar nur etwa 120 Kilogramm pro Palette, aber heben sie so etwas mal mit 4 Leuten herunter wenn man es nicht richtig packen kann......! Die Jungens sind aber schnell  so daß ich nach nur 15 Minuten den Wagen leer habe. Papiere fertigmachen, die Kiste zumachen ist eins. Dann quäle ich mich zum zweiten mal an dem silbernen Daimler vorbei - warum dürfen die das eigentlich und wir nicht???

9:20
Kaum um die Ecke gebogen sehe ich schon den Sattelzug von vorhin; ein Gabelstapler müht sich die Ladung herunter zu bekommen - natürlich kommt auch hier nicht mal ein Fahrrad vorbei.....
Ich gieße mir einen Tee ein und schlendere dann ohne Hast zu dem künstlichen Hindernis. "Ich brauch nicht lange" stellt der Kollege fast beschwörend fest; "..nur nicht noch eine Runde um diesen bescheuerten Block, sonst dreh` ich ab" schimpft er. Ich winke ab und beruhige ihn. Der Tag ist eh` im Eimer...!
"..oh nein, nicht der schon wieder - das ist so ein seltsamer Platzmeister oder so.." murmelt er leise und schaut in Richtung meines LKW. Von dort nähert sich energischen Schrittes ein Blaukittel und setzt beim Näher kommen eine fast schon bösartige Mine auf. "Ladet ihr ab und ich kümmere mich um den..." raune ich dem verdutzten Kollegen zu. Auch der Staplerfahrer verdreht sichtbar die Augen als er des Blaukittels gewahr wird.

9:25
Ich habe hier nichts mehr zu verlieren und außerdem nervt mich langsam die ungeheure Ignoranz und Sturheit dieser Daimler - Leute. Er fängt meinen Blick auf und hat mich offenbar wie geplant als Ziel erfaßt. "Sie derfet hier net stanget" nuschelt er in seinem Dialekt. Na warte denke ich mir, dich kriege ich....! "des wann jeder mache dät - na ganget nix mee" vervollständigt er sein Statement. Ich überlege kurz und entschließe mich spontan nur noch auf "gnostisch" mit ihm zu verhandeln. Gnostisch ist eine Sprache die ein ganz entscheidendes Problem verursacht: Nur ich alleine spreche diese Sprache...! Die Sache klingt dann so ähnlich wie ein Zwischending aus Dänisch, Schwedisch und Hindu. "Na sölljer kjur mnaneht, gebur läng somm" begrüße ich ihn strahlend und präsentiere ihm mein gewinnendstes Lächeln. Er schreckt erwartungsgemäß etwas zurück und sieht mich verunsichert an. Noch einmal - aber bedeutend weniger agressiv und überraschend hochdeutsch - wiederholt er sein Anliegen. Ich nicke ihm zu und erkläre ihm noch strahlender was ich für ein Problem mit ihm habe. "Joo, dürsahl hedigmend amsehdnel, fjör legud man dahor" verkünde ich und zeige auf das 19te Fenster im 6. Stockwerk des Bürogebäudes hinter uns. "Der norge wagurd in den sanntje, bjenor unkapet..." setze ich nach und zücke den Werksplan den ich noch von vorhin in der Tasche habe. In diesem Moment hupt es laut und vernehmlich am Ende der Warteschlange. Nach wenigen Augenblicken kommt - ich glaube es kaum - der Armanigekleidete zügigen Schrittes auf uns zu. Dieser Mistkerl; das war doch sein 420er der im Weg stand und der Kerl hat nur geglotzt obwohl er problemlos fast einen Meter hätte vorfahren können.....!!!

9:30
Jetzt erst recht ist mein Entschluß. Der Armanimann - ich stufe ihn mal so in der Gehaltsklasse ab 200.000 DM per Anno ein - gibt sich äußerst forsch und ordnet die unverzügliche Räumung des Hindernisses an. "Der verstanget aber überhaupt nix" winselt der Blaukittel und deutet auf mich, "un` I verstanget den a net, der will irged wasch da obe" erläutert er weiter und deutet zu bereits beschriebenem Fenster im 6. Stock.

Wenn du deine Feinde nicht überzeugen kannst dann verwirre sie; das habe ich mal auf einem Lehrgang gelernt und beherzige es nun zu hundert Prozent. 2 auf einen Streich.....
 "Pjarge, denn hösinge barluten - tamseji - äh - farö dje karso, op jorgen men ti far`" beschwöre ich nun mit kräftig rollendem Rrr den Armanimann und weise auch ihn auf das Bürogebäude hin. Der Herr im Edelzwirn sieht zunächst mich und dann das besagte Fenster erschüttert an wobei ich strahle was das Zeug hält. "I sursching fo Obmann, äh - Verandwortlich Man..." setze ich in einem schrecklichen Gebräu aus Englisch und etwas Deutsch hinzu. Mich schaudert selber vor diesem Gebrabbel aber der Blaukittel ist soweit und bläst zum Rückzug. "Also i kann da gar nix machet - i hän was anderes zu tuet" bemerkt er und zieht sich überraschend hastig zurück. Irgendwie hat er plötzlich kein Interesse mehr an mir, dem Sattelzug vor mir und der ganzen Situation - sehr seltsam!
"Tje börgen, mar sorud tsentik shen dak, mors el melder...." murmele ich Kopfschüttelnd, "äh - dje havet Telfonnummerer for Bageris - tje kann orben haven"?? frage ich nun den Verbliebenen. Der spricht nun langsam und deutlich "...i c h  h a b e   e i n e n  T e r m i n" und tippt auf seine Armbanduhr mit Sternapplikation.
"T e r m i n" wiederholt er noch einmal langsam. "Ah joo, Termin ged over normen, en stejber op klaren Perhora" nicke ich und hole nun meine Frachtpapiere auf denen auch etwas von einem Termin steht. Ich tippe nun meinerseits mit dem Finger auf den 7 Uhr Termin in meinen Unterlagen. " ...yörsing gradser den terminen" Der Armanimann ist jetzt auch soweit, verliert sein inneres Gleichgewicht und flüchtet schimpfend vor mir. "Scheiß Ausländer" höre ich ihn noch meckern. Offenbar ist das Wort "Verantwortlich" und "Termin" aus anderer Menschen Mund etwas beängstigendes....., und dann will man auch noch etwas von ihm - das ist zuviel. Und dann kann man die vermeintlich niedere Kreatur noch nicht einmal Fertigmachen weil sie einfach nichts versteht und man selber wird auch noch mit Dingen belastet mit denen man gar nichts zu tun haben will; tja, so ein Armaniträger hat`s  manchmal nicht leicht!

9:45
Im Zuge der Konversation ist derweil auch die Entladung des Sattelzuges beendet und der Fahrer schließt hastig seine Plane. Der Staplerfahrer kommt kurz zu mir und will etwas sagen, bekommt aber kein vernünftiges Wort heraus. "..so was hab` ich noch nicht erlebt" gluckst er schließlich "..das gibt's nicht - diese Typen so zu verarschen..." Kopfschüttelnd und mit Tränen in den Augen zieht er unter leichten Schlangenlinien mit seinem Stapler von dannen; und die Tränen in seinen Augen sind keine Tränen des Schmerzes............... 

 

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