Wintersport

Kraftfahrer wie ich haben naturgemäß etwas mehr Routine beim Fahren und sehen auch widrigen Bedingungen normalerweise recht gelassen entgegen. Aber in der vierten Jahreszeit kommt es mit Sicherheit mehr als einmal zu einem erhöhten Ausstoß von Adrenalin. Besonders unangenehm ist es dann, wenn man auf den glatten Straßen nicht alleine unterwegs ist. Da es jeden Winter Unmengen von Top - Autofahrern gibt, die auf die Hilfe von Winterreifen verzichten können weil sie eben so gut Autofahren können erlebt man zuverlässig jeden Winter mehr oder meist weniger lustige Abenteuer!
Eine dieser Touren war es mir Wert hier beschrieben zu werden.

 

Eines Tages im Januar auf der schwäbischen Alb:

Ich hatte die Nacht ganz gut hinter mich gebracht; am Abend zuvor um 22:00 Uhr war ich zu Hause gestartet um Kupferdraht, Maschinenteile und andere Dinge zu den Schwaben zu karren. Bereits in der Rhön gab es einige heftige Schneeschauer die die Straßen mitunter in hübsche Rodelbahnen verwandelten. Da nur wenige Autos und LKW`s unterwegs waren ging es aber überraschend gut vorwärts, da man die kniffeligen Stellen bergauf mit ausreichend Schwung angehen konnte und an den Gefällstrecken die beste Spur einfach für sich alleine hatte. So war der erste Kunde in Urbach schon um 7 Uhr morgens erreicht und seine Partie abgeladen. Nachdem mich der Mann von der Warenannahme mit einem Kaffee "betankt" hatte startete ich wieder.
Es hatte wieder etwas zu schneien begonnen als ich auf die Hauptstraße einbog um in Richtung Wendlingen zu kommen. Eine Routinebewegung führte die rechte Hand automatisch zum CB - Funkgerät und stellte es wieder ein. Umgehend begann der kleine Kasten zu plärren. Ich blieb erst mal kurz stehen und versuchte das Kauderwelsch aus dem Lautsprecher zu verstehen; im Funk war nämlich der Teufel los!
Rund um Urbach herum mußte es wohl schneien wie aus Kübeln und fast alle Straßen waren offenbar mehr oder weniger unpassierbar! Richtung Uhingen war der Verkehr definitiv zum Erliegen gekommen aber Richtung Stuttgart sollte es noch laufen. Ich mußte mir nun überlegen wie ich mich am besten aus der Affäre zog ohne unnötiges Risiko einzugehen. Ich brummte also erst mal los und lauschte weiter aufmerksam dem Funk. Kurz vor Plochingen schimpften dann einige Kollegen daß es Richtung Stuttgart auf der B10 nun doch nicht mehr weiterginge. Eigentlich wollte ich, obwohl es ein gewaltiger Umweg war, über Stuttgart um die Alb herumfahren um die Bergstrecken zu vermeiden. Paradoxerweise hörte ich ausgerechnet von der direkten Straße hinüber nach Wendlingen keine negativen Meldungen! Sollte ich`s tatsächlich ganz frech auf dem direkten Weg versuchen...? Wenn da nur die Steigungen nicht wären...!?
Egal, die anderen Strecken waren eh` nichts mehr wert - also was soll`s.
Und tatsächlich - der Anstieg lief völlig problemlos über die Bühne. Bis - tja bis es eben nicht mehr weiterging...!
Ein braver Schwabe hatte seinen mit Brennholz beladenen PKW - Anhänger beim Auffahren auf die Straße mit dem rechten Rad im Graben versenkt und rutschte nun Hilflos mit seinen Antriebsrädern auf der nassen Straße herum; ein VW Golf ist halt nicht das Ideale für solche Experimente. Da das ganze Geschiebe nun quer über der Straße verteilt war kam natürlich erst mal keiner weiter. Der Fahrer lehnte auch noch jede Hilfe ab und wollte unbedingt alleine wieder freikommen. Ich sackte über meinem Lenkrad zusammen - es ging so schön bis hier; noch 15 Minuten und ich wäre wieder unten und in Sicherheit. Aber so - wenn es nun auch hier so gemein begänne zu schneien gäbe es sicher ganz schnell Schwierigkeiten. Ich hatte den Gedanken noch nicht ganz zu Ende gedacht als es auch hier wie blöd zu schneien begann. Och nö, bitte nicht...!
Doch! Bereits nach 5 Minuten war die Straße so weiß wie in der Waschmittelwerbung. Der brave Schwabe sah nun wohl doch ein daß es nicht alleine ging und die Anwesenden begannen an dem Gespann herumzuziehen - natürlich ohne Erfolg! Ich schlug vor die Blockade etwas abzusichern, den Anhänger abzuhängen um erst mal die Straße einigermaßen freizubekommen. Der Fahrer begann daraufhin zu lamentieren und zu schimpfen als ob ich an dem Vorfall Schuld sei. Ich zeigte bergauf und versuchte ihm begreiflich zu machen daß es unter diesen Bedingungen recht gefährlich sei so dämlich stehenzubleiben. Mit dem Schweren Anhänger würden wir das Gespann sicher nicht ohne Hilfsmittel freibekommen. "Haijoo........" meinte er nachdenklich, "....also, hänget mer halt erschemol ob" nuschelte er dann doch irgendwann  einsichtig. Er hatte den Kupplungskopf noch nicht ganz erreicht als hupend ein schwerer Mercedes zu Tale geschliddert kam. "...Weg..." brüllte ich die Umstehenden an und sprang mit einem gewaltigen Satz in den Graben.
Wenige Sekunden später krachte der Benz mit einem trockenen Bums in das querstehende Gespann. Als ich den Kopf wieder in Richtung Lärmquelle drehen konnte sah ich nur einen traurig dampfenden Trümmerhaufen. Ich zog mich an dem Schrott hoch weil es inzwischen mistglatt geworden war. Am liebsten wäre ich gleich liegengeblieben weil mir klar war daß es jetzt so schnell nicht mehr weiterginge. "Einem was passiert?" rief ich in die Runde. Grunzend und schnaufend lösten sich rundherum diverse Körper vom Boden und starrten den nun zum Schrotthaufen mutierten Fahrzeugpark an. Keinem war etwas passiert...!
"Oh Mann" stöhnte ich und sah an mir herunter. Die Klamotten nass und dreckig und die Straße nun völlig dicht, prima!
Der neu eingetroffene Fahrer verließ seinen lädierten Benz und sah sich das Ergebnis seines Durchbruchsversuches traurig an.
"Weg" brüllte nun ein anderer Zuschauer - ich hatte meinen Platz im Graben noch nicht ganz erreicht als es erneut krachte; diesmal war ein Opel eingeschlagen. Fluchend versuchte ich erneut den Graben zu verlassen was aber aufgrund der Schneemassen die nun vom Himmel fielen gar nicht so einfach war. Mein Vorschlag nun doch endlich Die Unfallstelle zu sichern scheiterte an den unwahrscheinlichen Schneemengen die vom Himmel fielen. Vom stehen bleiben an gerechnet waren noch keine 10 Minuten vergangen. Ich schlidderte und stolperte erst einmal fluchend zu meinem LKW um andere Sachen und vernünftige Stiefel anzuziehen. Außerdem mußte ich mich mal in der Firma melden. Mein Disponent regte sich noch nicht mal auf als ich ihn informierte. "Hängen ja alle fest da unten" schimpfte er. "Karl steht in Schorndorf und kommt auch nicht weiter" grunzte er und meinte nur ich sollte mich irgendwann mal wieder melden. "Na ja, nix versäumt" dachte ich mir und stolperte wieder in Richtung Trümmerhaufen.
Da vor mir noch 5 PKW`s standen mußte ich etwa 30 Meter schliddern. Sehen konnte ich noch nichts aber einem erneuten Krachen nach hatte noch jemand die Stelle gefunden! Und wirklich, 4 Autos bildeten mittlerweise ein handfestes Knäuel.
Die hinzugekommene Dame entstieg ihrem zerknitterten BMW und sah fassungslos auf den nun doch recht beachtlichen Haufen Blech. Einige Augenblicke später kam schimpfend ein Schatten aus dem Schneegestöber angerutscht. "Meinet sie i ständ zum Spaß da herum?" brüllte er die Dame an. "Sie hän mi fascht Überen Haufen gfaret" giftete er weiter. "I hän denkt sie wollet trämped" erwiderte die Gescholtene verdattert - "I nehm halt nie jemand mit!"
Es stellte sich heraus daß der gute Mann bei dem Versuch den Verkehr zu warnen fast überfahren worden war. Das von ihm aufgestellte Warndreieck sei ruck zuck vom Schnee unkenntlich gemacht und damit mehr oder weniger wirkungslos.
Ich versuchte derweil mit meinem Handy die Polizei zu erreichen, aber ich bekam keine Verbindung zustande. Ich nahm an daß dort wohl alle Leitungen zusammengebrochen waren. (Später stellte sich diese Annahme als richtig heraus.)
Die Straße wurde derweil schon von etwa 15 cm Schnee bedeckt; man konnte keine 15 Meter weit sehen, so stark schneite es! Die Gruppe der spontanen Teilnehmer an diesem Wintersportvergnügen war bereits auf etwa 20 Personen angewachsen. Auch einige Lkw hatten sich dazugesellt deren Chauffeure sich nach und nach am Blechknäuel einfanden. "Moin moin" erklang eine mir bekannte Stimme - schau an, die Spindel hatte auch den Weg hierher gefunden! Er heißt so weil er dürr und lang ist wie eine Spindel. Den kannte ich noch aus alten Containerzeiten wo wir öfter mal zusammen unterwegs waren. Sein trockener Humor und sein ostfriesischer Slang fiel hier natürlich sofort auf. "Fete hiä oda wat?" flachste er. Die meisten der Anwesenden verstanden ihn natürlich nicht richtig und sahen ihn mißtrauisch an. "Ich hob` schon`n Teechen aufgesetzt, hat noch einer Kekse.....?"  bemerkte er und sah sich fragend um. Die armen Einheimischen sahen sich verunsichert um und wußten offenbar nichts mit diesem Sonderling anzufangen. "Schon`n Iglu gebastelt oder wie" setzte er noch einen drauf und deutete grinsend auf meine dreckige Hose. Ich erzählte ihm erst mal was sich bisher zugetragen hatte worauf er schallend zu lachen begann. Den brachte wirklich nichts aus dem Gleichgewicht...! "Ou, doa", er deutete Bergwärts wo sich gerade in Zeitlupe eine großer dunkler Schatten aus dem Schnee schälte; ein Sattelzug kam langsam rutschend auf der falschen Fahrbahnseite vor dem Schrottberg zum Stehen. Auch dieser Fahrer kletterte natürlich aus seinem Führerhaus und gesellte sich zu uns. Er entpuppte sich schnell als zünftiger Bayer mit Filzhut und Krachlederner Hose. „dös woas fia heit“ bemerkte er folgerichtig un zündete sich etwas nervös eine Zigarette an. Er konnte offenbar kaum fassen daß er niemanden berührt hatte bei seiner etwas mißglückten Bremsung.
Wir erfuhren daß es den Berg auf der anderen Seite herunter auch mehrere Unfälle gegeben hatte. "Aber nicht so schöne..!" bemerkte er mit einem schrägen Blick auf `unseren Blechberg`.

 Nach diesem LKW fand dann kein Straßenverkehr mehr statt; statt dessen begann sich die Stimung leicht zu entspannen. Spindel begann gedankenverloren Schneebälle zu formen und sie wegzuwerfen. Nach kurzer Zeit folgten auch andere Teilnehmer dieser seltsamen Versammlung seinem Beispiel und 5 Minuten später war so etwas wie eine Schneeballschlacht in Gang! Bis auf die Eigner der beschädigten Autos hatten erstaunlich viele Anwesende keine Probleme damit sich hier so gut es ging zu amüsieren.....!

Erst nach 2 Stunden, als überraschend tatsächlich ein grün – weißes Auto mit einer blauen Lampe auf dem Dach bergwärts geschliddert kam, versuchten sich alle wieder etwas ernster zu geben. Die Beamten in ihren völlig unpraktischen Uniformen und Schuhen mit außergewöhnlich glatten Sohlen glitschten relativ haltlos in Richtung Trümmerfeld los. Ich war nicht der einzige der sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen konnte. Die Herren mit ihren weißen Mützen schauten fassungslos auf das formlose Blechknäuel und begannen damit den Unfallhergang zu rekonstruieren. Das die Betroffenen inzwischen alle durcheinander brüllten führte natürlich nicht zu einer neutralen und sachlichen Diskussion über den Hergang. Als einer der Beamten endlich die Nerven verlor begann er die Anwesenden nach allen Regeln der Kunst zusammenzubrüllen. Augenblicklich herrschte Ruhe und alle sahen ihn betreten an. Er begann dann wieder ganz leise seine Fragen zu stellen und erhielt auch ebenso leise und ruhig die gewünschten Antworten. Auch ich sollte sagen was ich gesehen hatte und wie sich die Leute vor dem, äh den Unfallen verhalten hätten. Ich beschrieb was ich erlebt hatte und erlaubte mir anzumerken daß alle Beteiligten offenbar kein Geld für Winterreifen hatten. Das sei aus meiner Sicht genauso, als ob man im Winter mit Sommerschuhen umherliefe. Der Beamte sah mich äußerst pikiert an, entließ mich dann aber nach Aufnahme meiner Personalien.       

Spindel und ich zogen uns in meinen LKW zurück; wir tranken noch mal Tee und amüsierten uns über diesen chaotischen Tag. Da wir beide kaum damit rechneten heute noch produktive Arbeit verrichten zu können sahen wir dem Rest des Tages recht gelassen entgegen. Hektik brachte uns auch nicht weiter so daß wir uns einfach den Gegebenheiten fügten.

Nach weiteren 2 Stunden tauchte dann sogar ein Räumfahrzeug auf. Die Besatzung besah sich erst mal das gebotene Bild und brach in schallendes Gelächter aus. So etwas dämliches hätten sie wirklich noch nie gesehen, meinten sie. Zusammen mit den Gesetzeshütern versuchten wir nun einen Plan zu schmieden wie zunächst der LKW auf der falschen Spur entfernt werden könnte. Der Räumer zog ihn daraufhin rückwärts, wenn auch mit Mühe aber doch erfolgreich den Berg hinauf. Dann begann er wo immer er hinkam zu räumen und zu salzen. Nach kurzer Zeit konnte man tatsächlich wieder die Fahrbahn erkennen und weitere 30 Minuten später konnte der Schrottberg entheddert werden. Als die ersten Autos wieder losfahren konnten ließen auch wir unsere Motoren wieder an. Bald ging es endlich weiter; die Talfahrt auf der anderen Bergseite war problemlos und ich konnte sogar noch einen Kunden befriedigen.

Das ich seitdem noch etwas nervöser werde wenn es mal wieder glatt wird versteht der Leser nun vielleicht besser. Es war wirklich nur Glück daß niemandem etwas passiert ist. Ich ärgere mich daher auch heute immer wieder wenn sich Leute ein Auto für 50000 Mark oder noch mehr kaufen und dann an den Winterreifen sparen. Dieser Geiz gepaart mit gefühlloser Fahrweise bei solchem Wetter bringt jedes Jahr aufs neue einen Haufen vermeidbaren Ärger. Ich werde aber wohl weiter damit leben müssen.........                                                                                                                                                                 

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